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Jammerfasten

  • Autorenbild: Edith Danzer
    Edith Danzer
  • 5. Juli
  • 2 Min. Lesezeit


Anfang des Jahres haben viele Menschen in meinem Umfeld gefastet. Die einen verzichteten auf Alkohol, andere auf Zucker oder Fleisch.


Ich habe auch gefastet.

Allerdings nicht auf etwas, das man essen oder trinken kann.

Ich habe auf das Jammern verzichtet.


Der Grund dafür war ganz einfach: Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich manches negativer gesehen habe als früher. Dass ich mich über Kleinigkeiten geärgert habe und mich dabei ertappte, Dinge zu beklagen, die ich ohnehin nicht ändern konnte. Das war kein Dauerzustand und auch kein Weltuntergang. Aber es war genug, um mich nachdenklich zu machen. Denn eigentlich bin ich gar nicht so.


Ich mag Jammern nicht. Nicht, weil Probleme nicht ausgesprochen werden dürfen. Ganz im Gegenteil. Aber Jammern bedeutet für mich Stillstand. Es verändert nichts. In derselben Zeit könnte ich meine Energie auch dafür verwenden, nach einer Lösung zu suchen oder die Situation einfach anzunehmen und weiterzugehen.


Also habe ich mir eine kleine Challenge gestellt.

Eine Freundin bekam den Auftrag, genau hinzuhören. Jedes Mal, wenn ich jammerte, musste ich zwei Euro bezahlen.

Ich kann euch sagen: Die ersten Tage waren überraschend teuer.


Mir war überhaupt nicht bewusst, wie oft sich kleine Jammer-Sätze in den Alltag einschleichen. Erst als sie Geld kosteten, fielen sie mir auf.


Mit der Zeit wurde es besser. Nicht, weil plötzlich alles leichter geworden wäre. Sondern weil ich begann, meinen Blick wieder bewusster auszurichten. Doch Gewohnheiten haben eine unangenehme Eigenschaft. Sie verschwinden nicht einfach. Sie warten geduldig auf eine Gelegenheit und schleichen sich irgendwann wieder zurück. Leise. Fast unbemerkt. Wie ein Dieb, der die Hintertür benutzt.

Genau das ist über die Zeit passiert.


Heute saß ich in einem Café und entdeckte unter meinem Glas einen Untersetzer. Darauf stand:


Focus on the good.


Eigentlich nur ein kurzer Satz. Einer von vielen, denen man im Alltag begegnet. Und trotzdem hat er mich in diesem Moment getroffen.

Ich fragte, ob ich den Untersetzer mitnehmen darf, legte ihn zu Hause auf meinen Schreibtisch und musste schmunzeln.


Direkt daneben hängt seit fast zwanzig Jahren ein kleiner Zettel aus einem Glückskeks.

Energy flows where attention goes.

Die Energie fließt dorthin, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Plötzlich lagen diese beiden Sätze nebeneinander. Der eine fast zwanzig Jahre alt, der andere erst wenige Minuten in meinem Besitz. Und trotzdem erzählen sie dieselbe Geschichte.


In den letzten Wochen hatte ich meinen Blick wieder viel zu oft auf das gerichtet, was gerade schwierig war. Nicht dramatisch. Aber oft genug, dass ich es heute plötzlich selbst erkannt habe.


Manchmal braucht es genau so einen kleinen Moment, um sich wieder an etwas zu erinnern, das man eigentlich längst wusste.

Deshalb beginnt heute mein zweites Jammerfasten.


Und ich hoffe ehrlich, dass es diesmal etwas günstiger wird.

 
 
 

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